Zwei große Flügel und drei prächtige Kronen für unsere Königin der Instrumente

 

„ANNO 1687“ ist auf dem eleganten Prospekt (Bezeichnung für das äußere Erscheinungsbild einer Orgel von lat. prospectus = Anblick) zu lesen, der unsere Orgel in der St.-Petri-Kirche Westerstede bekleidet. In zeitlicher Nähe zu Johann Sebastian Bachs Geburtsjahr 1685 macht das Erbauungsdatum neugierig auf die Klangwelt des Instrumentes.

 

Im Farbspiel des satten Lindgrüns der Gehäusewände und der milden roten Einfassung des Deckenbogens schimmern Pfeifen und vergoldete Holzornamentik miteinander um die Wette. Zur Gottesdienstzeit, wenn sonniges Tageslicht auf das Instrument fällt,  leuchtet dem Betrachter das Pfeifenwerk geradezu entgegen. Schon bevor der erste Ton erklingt, kann gerätselt werden, welches Klangkonzept den Hörer erwartet:

 

Mit zwei prunkvollen Ornamentik-Flügeln zu den Seiten und drei dreidimensionalen Kronen auf den Hauptwerkstürmen wird der Orgelkorpus verspielt vergrößert. Dieser kunstvolle Umriss entspricht mit seiner geschwungenen Linie den sanften Spitzbögen der Kirchendecke vor und auf der Empore. Kleine Ornamentikvorhänge, welche die Linie der Pfeifenmünder in gespiegelter Weise aufnehmen, veredeln die Pfeifen.

 

Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass der untere Teil der Orgel – das sogenannte Rückpositiv – nach anderen Kriterien gestaltet ist. Die deutlich strenger gehaltene Verzierung auf den Pfeifen gibt einen Hinweis darauf, dass hier kein rein historisches Instrument zu sehen ist. Ein weiterer Blick zur hinteren Seite lässt erkennen, dass ein moderner heller Anbau mit Lamellen das Gehäuse dezent erweitert.


1971 erbaute die Firma Ahrend & Brunzema aus dem dreißig Kilometer entfernten ostfriesischen Loga ein neues Instrument für die St.-Petri-Kirche Westerstede, welches in Joachim Kaysers historischem Prospekt von 1687 eingepasst wurde. Eine wechselvolle Geschichte war dem Neubau vorangegangen, mehrfach hatte man die Orgel dem jeweiligen Zeitgeschmack entsprechend angepasst.

 

Die jungen Orgelbauer Jürgen Ahrend und Gerhard Brunzema erstellten beim Neubau 1971 ein neues Pfeifenwerk und entschieden sich bewusst dafür, die räumlichen Erweiterungen vom historischen Originalprospekt erkennbar abzusetzen. Die Klangfarben der 22 Register lassen für die Wiedergabe frühbarocker und barocker Literatur kaum Wünsche offen. Die Musik Bachs, von der wir nicht wissen, ob sie zu seinen Lebzeiten auch in der St.-Petri-Kirche erklang, kann an diesem Instrument bestens aufgeführt werden.

 

Allgemein bekannt sind die zahlreichen Restaurierungen und Orgelneubauten der Firma Ahrend, die weit über die norddeutsche Orgellandschaft hinaus von maßstäblicher Bedeutung sind. Glücklich dürfen wir uns schätzen, dass wir in der St.-Petri-Kirche Westerstede als einzige Kirche im gesamten Oldenburger Land aus diesem Haus ein Instrument solcher Güte beherbergen. – Kronen und/oder Flügel zieren übrigens auch weitere Prospekte Joachim Kaysers: Wer sich in Westerstede noch nicht sattgesehen und -gehört hat, kann sich weiter erfreuen seinen Instrumenten in Hohenkirchen im Wangerland, in Blexen in der Wesermarsch, im friesischen Waddenwarden sowie in Petkim, Eilsum und Larrelt in Ostfriesland.


Die allen Orgelliebhabern bekannte Ernennung der Orgel zur „Königin der Instrumente“ wird allgemeinhin Wolfgang Amadeus Mozart geschrieben. Im Originalton des Briefes an seinen Vater heißt es 1777: „Die orgl ist doch in meinen augen und ohren der könig aller instrumenten“. Nur wenig hat der Meister für den „König“ (nicht die Königin!) komponiert und man kann über Mozarts Gründe nur mutmaßen. Vielleicht lag ihm das komplizierte Instrument nicht, das sich in der Tonerzeugung mittels Pfeifen wesentlich vom besaiteten Hammerflügel unterscheidet. Oder vielleicht kannte er keine wirklich überzeugende Orgel? – Wie auch immer, dass die beliebte Titulierung zumindest in Westerstede schon viel früher gebräuchlich war, lässt sich augenzwinkernd vermuten. Denn seinen Orgelbau hier disponierte Kayser 1687 nicht nur klanglich kunstvoll, sondern vollendete ihn zugleich auch optisch mit von goldenen Kugeln gezierten Kronen.

 

In der fast 900-jährigen Geschichte unserer Kirche spielt die Orgelmusik seit 334 Jahren eine Rolle. In den letzten 50 Jahren davon wird der Orgeldienst mit einem wertvollen frühen Instrument der Orgelpionierfirma Ahrend versehen. In der Hoffnung, dass Raum und Instrument immer wieder neu entdeckt werden, wünsche ich Orgelspieler*innen und Zuhörer*innen weit über den 50. Orgelgeburtstag hinaus von Glück „gekrönte“ Momente, in denen die Musik beiden immer wieder aufs Neue „große Flügel“ verleihen möge.

 

Karin Gastell (Kantorin)

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