Rundgang durch die St. Petri-Kirche


Auf dem Bild ist der Aufriss der Kirche zu sehen - links der Westturm, in der Mitte das Kirchenschiff und rechts der Chorraum

Viel Freude bei unserem Rundgang!

 

Wir betreten die Kirche durch das Portal (1) in der Südmauer des 48 m hohen Westturmes. Ein fensterloser, gewölbter mit Granitquadern und Klosterformatsteinen gemauerter Raum empfängt uns. Die aus Ton gebrannten Fliesen stammen aus der St. Aegidiuskirche Berne. Dort wurden diese Tonfliesen bei Renovierungsarbeiten entdeckt und freundlicherweise der St. Petri - Kirche überlassen. Sie stammen aus der Gründerzeit der Berner Kirche, also aus dem 13. Jahrhundert.

In der Mitte steht auf dem Tonziegelfußboden ein aus Granit geschlagener Taufstein (2), der aus der Entstehungszeit der St. Petri-Kirche stammen könnte.
Die Herkunft und das Alter sind nicht bekannt, doch es wird dazu berichtet, dass der Taufstein um das Jahr 1900 im Lengener Moor gefunden wurde. Pastor Barelmann berichtet in seinen Erinnerungen aus der Zeit 1914-1918 und danach, dass der Taufstein unter einer Traufe beim Färber Steinfeldschen Haus gestanden habe, wohin er mit Abbruchmaterial aus Wittenheim gebracht worden ist. Es wäre denkbar, dass der Taufstein aus der Wittenheimer Burgkapelle stammt.
Pastor J. Barelmann hat den Taufstein für 20 Mark zurückgekauft und in das Turmgewölbe gestellt.

An der gegenüberliegenden Wand hängt ein Kupferrelief (3). Es zeigt den Fischzug des Petrus nach dem Evangelium des Johannes, Kapitel 21. Petrus und sechs seiner Jünger sind nach dem Tod des Jesu in das heimatliche Galiläa zurückgekehrt. In ihrem alten Beruf als Fischer fangen sie nichts. Der auferstandene Christus, den sie zunächst nicht erkennen, ermuntert sie, noch einmal hinauszufahren, um das Netz auszuwerfen. Sie folgen dem Rat und können den Fang, 153 große Fische, kaum bergen. Petrus steht in der Mitte des Bootes und hält einen Fisch empor in der Erkenntnis des Wunders, dass sie alle zu Menschenfischern berufen sind.
Dieses Kunstwerk wurde von Prof. Schreiter, Bremen, gefertigt und der Kirchengemeinde 1973 zur 850-Jahrfeier von der Stadt Westerstede geschenkt.

Hier im Eingangsbereich der Kirche ist diese Darstellung auf dem Metallrelief ein Hinweis auf die Namensgebung der Kirche durch den Gründer Adalbero Erzbischof von Bremen (1123-1148): St. Petri - Kirche.

Ob der Westturm zur Zeit der Kirchengründung schon gestanden hat, ist fraglich, eher ungewiss.

Wir gehen durch das Westportal mit dem schmiedeeisernen Gitter in das Kirchenschiff. In den 20er Jahren d. Jh. war der Turmraum zu einer Gedenkstätte für die Gefallenen des 1. Weltkriegs hergerichtet worden. Das geschmiedete Gitter trägt über dem Durchgang die Jahreszahlen 1914-1918. Der Westersteder Schmied „Meyers Frerk" hat seinerzeit dafür das Gitter angefertigt.

Auf der rechten Seite vor dem Durchgang an der Innenmauer ist eine Grabdeckplatte (4) angebracht. Diese Platte diente als Abdeckung einer Grabkammer im Kirchenschiff unter dem Triumphbogen gegenüber der Kanzel. Bei Ausschachtungsarbeiten für eine neue Heizungsanlage im Jahre 1950 wurde die Grabplatte dort entfernt, um dem Fundament für den neuen Fußboden im Chorraum Platz zu machen. Von Carl Baasen wird aus der Zeit berichtet, daß sich in der Grabkammer ein Sarg aus Eichenbrettern befand, der zerfallen war. In dem Sarg war noch das verhältnismäßig gut erhaltene Skelett des Toten zu sehen. Die letzte Bestattung in der Kirche wurde im Jahr 1819 vorgenommen.

 

Unter der Orgelempore treten wir in das Kirchenschiff (5) ein, welches von 3 ungleich großen Gewölben überspannt wird. Die Scheitelhöhen betragen ca. 9 Meter über dem Fußboden und die Spannweite in der Diagonalen 10,5-11,5 m. Die Gewölbe ruhen auf mehrfach gerippten Pfeilervorlagen. Diese Pfeilerbündel sind später eingebaut worden, wodurch die ursprünglichen romanischen Rundbogenfenster verdeckt wurden. Im Kirchenschiff sind deshalb unterschiedlich große und unregelmäßig angeordnete Fenster eingebaut worden.
Von außen sind in der Süd- und Nordwand die ursprünglichen romanischen Rundbogenfenster noch gut zu erkennen.

Die St.-Petri-Kirche wurde in den Jahren 1994 bis 1997 renoviert und hat den Wand- und Gewölbeanstrich aus der Zeit der Renaissance bekommen - Steinmalerei mit Beschlagwerk an den Rippen und Schildbögen der Gewölbe.


Der mit Ziegelsteinen belegte Mittelgang führt zum Triumphbogen (19), der das Kirchenschiff vom Chorraum trennt.


Über die gesamte Breite des Kirchenschiffes an der Westwand steht die Orgelempore mit der in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts neu gestalteten Brüstung, in der das Orgelrückpositiv eingebaut worden ist.
Auf der rechten Seite unter der Orgelempore führt eine schmale Treppe hinauf zum Orgelboden.
Der Orgelprospekt, das ist die Frontansicht der Orgel (8), stammt aus der Entstehungszeit der ersten Orgel aus dem Jahre 1687.
Das Instrument, eine historisierend gebaute Barockorgel mit norddeutschem Klangkonzept, ist das letzte Orgelwerk (opus 72), das die beiden Orgelbauer Ahrend und Brunzema noch zusammen ausgeführt haben. Von dem Orgelbauer Joachim Kayser; Jever; wurde 1687 eine Orgel erstellt, von der nur noch die Fassade einschließlich der alten Prospektpfeifen (Praestant 8` ab G) des Hauptwerkes stammen.
Die übrigen Teile sind neu. Auf dem Foto sieht man im Vordergrund das Rückpositiv mit einem neu und modern gestalteten Gehäuse. Dahinter steht das Hauptwerk (historischer Prospekt) mit seinem ornamentalen Schmuck und der erneuerten marmorierten Bemalung.
Die Orgel hat 22 Register; 1256 klingende Pfeifen, mechanische Traktur und Schleifladen. Die Traktur ist nicht getucht und daher sehr leichtgängig und sensibel. Das Pfeifenwerk ist handgefertigt, die Pfeifenwandung nach oben hin ausgedünnt.
Das Gehäuse, Innenteile und Holzpfeifen sind aus Eiche gebaut. Zu erwähnen wäre noch, daß die Registerzüge des Rückpositives in dessen Rückwand eingearbeitet sind, in Anlehnung an den holländischen historischen Orgelbau. Die Orgel gehört zu den klangschönsten Instrumenten des Ammerlandes und wird wegen der qualitativ hervorragenden Ausführung und den vortrefflichen Materialien noch lange der Gemeinde Freude bereiten.

An der Nordwand im östlichen Jochbogen erkennen wir eine gekrönte Frauengestalt, die einen Turm vor sich her trägt. Es ist die Darstellung der Hl. Barbara (9). Nach einer Legende wurde sie von ihrem Vater in einen Turm gesperrt, um sie von christlichen Einflüssen femzuhalten. Die drei Zinnen auf dem Turm weisen auf die Dreieinigkeit: Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist hin. Ab dem 15. Jahrhundert wurde St. Barbara den 14 Nothelfern zugerechnet. Seit dem 18. Jahrhundert war sie die Patronin u. a. der Baumeister.

Rechts neben der Kanzel hängt ein Ölgemälde (10), gefasst in einem leuchtenden Goldrahmen . Dieses Bild befand sich nach dem Inventarverzeichnis der Kirche im Jahre 1775 hinter dem Altar aufgehängt zwischen zwei weiß marmorierten Pfeilern der Altarpriechel (Empore). Es zeigt das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, die auf Polstern um den Tisch liegen. Bis auf den jugendlichen Johannes rechts von Jesus sind alle Abendmahlteilnehmer als vollbärtige Männer dargestellt. Rechts unten im Vordergrund stehen zwei Weinkrüge, die auf die Fußwaschung deuten. Neben den Krügen hockt Judas, den man am Geldbeutel erkennt. Er hält ihn in der linken Hand und ist bereit zum Aufbruch. Jesus hält in der linken Hand das Brot und setzt es als Abendmahl ein. Vor ihm auf dem Tisch steht der Weinkelch.
Das Abendmahlsbild ist von dem Maler Birckenkamp aus Bremen nach dem Muster des berühmten B. Piccard le Romain im Jahre 1750 gefertigt.
Laut W. Runge1 diente als Vorlage für Architekturform und die im Vordergrund liegenden Jünger ein Stich von B. Audran nach einem Bild von N. Poussin.

Neben dem Treppenaufgang zum Orgelboden sehen wir das einzige farbig gestaltete Glasfenster (11), das nach einem Entwurf von Pfarrer J. Barelmann im Königlichen Institut für Glasmalerei in Charlottenburg um 1892 hergestellt worden ist. Abgebildet ist Christus als Licht der Welt mit der Nagelwunde an der rechten Hand. Die linke Hand hält ein Buch mit den Lettern Alpha und Omega, dem ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabets. Es erinnert an Offenbarung 1,17+18: Christus spricht: „Fürchte dich nicht! Ich bin der erste und der letzte und der Lebendige...“

Vor der Umgestaltung und Renovierung der Kirche 1955 befand sich dieses Glasfenster aus dem Jahre 1882 im oberen Teil des Ostfensters vom Chorraum über der ehemaligen Empore.

Vor dem Triumphbogen auf der linken Seite des Kirchenschiffs steht der kunstvoll gestaltete Kirchenstuhl (12), der auf zwei Holzsäulen ruht. Dieser Stuhl ist über den Sakristeianbau (13) zu erreichen. Bevor im Jahre 1907 die Sakristei an die Kirche angebaut worden ist, konnte man diesen und einen weiteren Kirchenstuhl nur von außen über bedachte Holztreppen begehen. Geschnitztes Weinlaub und goldfarbene Weintrauben schließen die untere Kante der sechseckigen Empore ab. Die Brüstung ist durch schraubenförmige Halbsäulen vertikal in Segmente unterteilt. Über den Tragsäulen im Mittelfeld der Brüstung ist die Darstellung eines Hauswappens zu erkennen. Es ist das Wappen der Familie von Seggern. Im Inventarverzeichnis aus den Jahren 1775-1863 wird dieser Kirchenstuhl als Kanzlei - Assessor Meynen zu Seggern - Stuhl bezeichnet. Die 6 Fensteröffnungen sind mit versenkbaren Fensterscheiben versehen.

Die Sakristei (13), ein Anbau an der Nordseite der Kirche aus dem Jahre 1907, dient der Vorbereitung der Pastors oder der Pastorin und der Lektoren auf den Sonntagsgottesdienst.
Der Chorraum wird durch eine Stufe unter dem Triumphbogen vom Kirchenschiff getrennt. Der Fußboden ist im vorderen Bereich und an den Rändern mit Ziegelsteinen im Fischgrätenmuster und diagonal angeordneten Tonplatten ausgelegt.

Bei den archäologischen Untersuchungen im Chorraum wurde 1994/95 der Horizont des gotischen Fußbodens an einigen Stellen nachgewiesen. Reste vom Originalbefund (14) sieht man in der Nord-Ost-Ecke des Altarraumes.

Der 1996 neu errichtete Altar (15) ruht auf dem ältesten gefundenen Findlingsfundament des Altartisches aus dem 13./14. Jahrhundert. Auffällig sind die Ausmaße des Altartisches mit 2,20 m x 1,80 m. Eine in der Mitte geteilte Natursteinplatte aus Bad Bentheimer Sandstein dient als Abdeckung. Je nach Kirchenjahreszeit hängen vor dem Altar, der Kanzel und dem Lesepult aus Filz handgearbeitete Paramente, die von Frau Margrit Wilken-Brakenhoff entworfen und angefertigt worden sind. Die weiße Altardecke mit den kostbaren Stickereien wurde von Frau Hannelore Kneehans entworfen und handgearbeitet.

Wir wenden uns nach links und schauen auf das monumentale Ölgemälde (16) im linken Jochbogen der Nordwand.
Der aus Bremen stammende Künstler, der mit "Spanman Bremae 1722" signiert hat, zeigt uns Darstellungen vom Jüngsten Gericht. Dieses Bild war nach Auskunft des o. g. Inventarverzeichnisses im 2. Gewölbe des Chorraumes über dem damaligen Altar angebracht.
Im Küstenbereich der Nordsee hat es im 18. Jahrhundert häufig derartige Darstellungen in Kirchen als Altarbilder gegeben. Den Anlass dazu gab die am 25. Dezember 1717 an der Weser und dem Jadebusen hereingebrochene Sturmflut, bei der ca. 2500 Menschen ertrunken sind.
Auf dem Bild ist in der Mitte im oberen Bereich Christus zu erkennen, der auf einem Regenbogen sitzt. Seine Füße ruhen auf der Weltkugel. Auf der linken Seite des Herrn sieht man Figuren aus dem Alten und auf der rechten Seite aus dem Neuen Testament.

Vor dem Gemälde "Jüngstes Gericht" steht die hölzerne Taufe (17), eine Stiftung einer Ammerländer Bauemfamilie aus dem Jahre 1648, dem Jahr des Endes des 30jährigen Krieges.

Der kunstvoll gearbeitete Deckel trägt den Spruch Jesu aus dem Markus-Evangelium, Kapitel 10: "Lasset die Kindlein zu mir kommen..."

Auf dem aus Massivholz geschnitzten Fuß ist in erhabener Schrift zu lesen: „JOHANN BRUNEKEN IM GARRENHOLT HAT DIESE DOFE DER KIRCHEN VOR ERETH ANNO 1648“

Darunter erkennen wir eine mittelalterliche Malerei, die den Apostel Matthias (18) darstellt. Matthias war der 13. Jünger, nachdem Judas den Kreis der Jünger verlassen hatte. Er trägt in der Hand ein Beil.

Im Scheitelpunkt des Triumphbogens hängt die im Jahre 1996 zusammengestellte Triumphkreuzgruppe (19). Auf dem hölzernen Tragekreuz steht links Maria, rechts Johannes. Diese Figuren sind Nachbildungen. Die Originale aus dem 15. Jahrhundert befinden sich im Landesmuseum Oldenburg. Die lebensgroße Gestalt des gekreuzigten Christus stammt ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert und ist aus Eichenholz geschnitzt. Die ursprüngliche farbige Fassung ist nicht erhalten. Aus der Seitenwunde hängt das geronnene Blut in Form einer Weintraube. Auch hier ist die Verbindung zum Abendmahl hergestellt.

Die Kanzel (20) wurde vom letzten Junker von Fikensolt im Jahre 1607 gestiftet und ist 1817 zum 300. Reformationsjubiläum verändert worden. Auf den ältesten Bauteilen aus Eichenholz konnte die Erstfassung nachgewiesen werden, eine grünblaue Marmorierung. Nach dem Umbau der Kanzel erhielt sie eine weiße Bemalung, danach war sie mit einer Holzimitation auf weißer Grundierung bemalt.

Hinter dem Altar ist der Passionsaltar (21) aufgebaut. Die farbigen Holztafeln wurden 1997 in den modern gestalteten Schrein hineingestellt. (Siehe Luck, Zur künstlerischen Ausstattung der St.-Petri-Kirche).

Auf der linken Seite der Ostwand ist eine rot gefärbte Fläche zu erkennen. Hier hat vermutlich bis zur Reformation das Sakramentshäuschen (22) gestanden. Es reichte bis ins Mauerwerk hinein. Es diente zur Aufbewahrung und zum Vorzeigen von Hostien und den Abendmahlsgeräten.

Neben der 1996 restaurierten roten Bemalung sind ein bisher noch nicht eingeordnetes Wappen und ein Weihekreuz bzw. Apostelkreuz sichtbar. Ein weiteres Apostelkreuz ist unter der Sohlbank des Ostfensters 1996 freigelegt und restauriert worden.

Rechts vom Ostfenster sind verschiedene Malereien aus unterschiedlichen Zeiträumen bei den Renovierungsarbeiten 1996 zum Vorschein gekommen. Augenfällig ist eine Kreuzigungsszene, die durch Fachleute unterschiedlich beurteilt worden ist. Es handelt sich um ein Kümmernisbild oder um eine Volto santo (23) - Darstellung (Volto Santo von Lucca, Italien).
Unter Kümmernisbild versteht man eine Kruzifixdarstellung, in der eine weibliche Person mit einem Bart und einer Krone auf dem Kopf am Kreuz hängt. Die Person wird u. a. Wilgefortis, Liberata und auch St. Hülpe genannt. Sie war - wie eine Legende berichtet -, eine portugiesische Königstochter. Ihr heidnischer Vater wollte sie mit einem ebenso heidnischen sizilianischen König verheiraten. Da sie Christin war, verweigerte sie die Ehe und wurde von ihrem Vater ins Gefängnis geworfen. Hier erbat sie von Gott eine Umgestaltung, damit sie kein Mann mehr begehrte. Ihr Gebet wurde erhört, und sie bekam einen Bart. Daraufhin musste sie auf Befehl des Vaters am Kreuz sterben, und sie wird die große Helferin in allen Nöten. Anlass zu dieser Sage aus dem 14. Jahrhundert haben Kruzifixdarstellungen gegeben, auf denen Christus mit einem Mantel bekleidet ist, also nach mittelalterlicher Auffassung wie eine Frau gekleidet ist. Diese Bilder waren der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Seit dem 14. Jahrhundert war jedoch die sog. Volto santo von Lucca weit verbreitet. Es handelt sich um ein aus Holz geschnitztes Kruzifixbild aus dem 8. Jahrhundert. Diese Art der Darstellung hat sich durch die Handelswege vom Süden Europas in den Norden verbreitet. Vergleichbare Darstellungen sind in der ehemaligen Dominikanerkapelle in Bamberg zu sehen oder in der Pfarrkirche von Pilgrimsreuth.
Frau Luck von Claparède datiert die Westersteder Darstellung auf das ausgehende 14. Jahrhundert.


An dieser Stelle befinden sich an der Außenseite der Kirche zwei alte, eiserne Krampen, an die zur Dänenzeit das Halseisen (25) befestigt wurde. Bei Kirchenführungen oder zur Veranschaulichung für den Konfirmanden-Unterricht kann an das Halseisen, eine maßstabsgetreue Nachbildung, ein "Sünder" angekettet werden. Im Büro der Westersteder Touristik-Information im Rathaus, Am Markt 2, kann das Halseisen ausgeliehen werden.


Einen Menschen "an den Pranger stellen" ist noch heute eine geläufige Redensart, doch was diese demütigende Maßnahme wirklich bedeutet hat, können wir an der Außenwand der St. Petri-Kirche mit ihren massiven Steinen kennen lernen. An der Südseite der Kirche sind noch heute die eisernen Krampen vorhanden, an denen die Kette eines Halseisens befestigt war. Die zum Halseisen verurteilten Missetäter wurden mit Ketten daran angekettet, um von den Kirchgängern, wie der Chronist meint, "verhöhnt und verspottet" zu werden.

König Christian VI, der in der dänischen Zeit von 1730 bis 1746 regierte - das Herzogtum Oldenburg fiel nach dem Tode des Grafen Anton Günther 1667 bis 1773 durch Erbschaft an Dänemark-, stand ganz unter dem Einfluss seines Hofpredigers Bluhme. Er glaubte, Frömmigkeit durch Kirchenzucht erzwingen zu können. So traf die Strafe z. B. auch diejenigen, welche trotz Ermahnung des Pastoren die Kirche versäumten und nicht am heiligen Abendmahl teilnahmen. Der letzte, welcher in Westerstede mit dem Halseisen bestraft wurde, hatte in grober Weise das 4. Gebot übertreten.

Das Halseisen war ein Werkzeug der Demütigung. Heutzutage soll es Geschichte lebendig werden lassen und zeigen, mit welch schändlichen Mitteln die Herrschenden, in diesem Fall sogar die Pastoren, ihre Untertanen zum Befolgen der Gebote und zum Glauben gezwungen haben.
Fidi Lübben, Stadt-Führer (Westerstede-Touristik), hatte die Idee und macht(e) Geschichte lebendig ...

Michael Kühn



Zehn Gebote - Für jeden Finger eine Orientierungshilfe


Menschliche Instinkte regeln das Zusammenleben nicht ausreichend.

von OKR i.R. Prof. Dr. Rolf Schäfer

Mose empfing auf dem Berg Sinai mehr Gebote. Der Einfachheit halber wurden daraus zehn. Warum ausgerechnet zehn? Damit der Mensch sie an seinen zehn Fingern abzählen kann. Denn wer nachliest, wie viele Gebote Mose am Berg Sinai empfangen hat, findet dort mindestens zwölf. Sie sind nicht nummeriert. Deshalb hat man sie für das Gedächtnis schon im Altertum leicht vereinfacht. Im Kleinen Katechismus schloss Luther sich dieser Tradition an.

Pflanzen und Tiere brauchen keine Gebote. Zusammenleben, Fortpflanzung und Nahrungserwerb regeln sich bei ihnen von selbst. Beim Menschen aber genügen für diese Aufgaben die angeborenen Verhaltensmuster (Instinkte) nicht. Er muss eine Kultur ausbilden und die Regeln für deren Erhalt an die nächste Generation weitergeben.

Im Dickicht der täglichen Anforderungen ist zunächst einmal Orientierung nötig. Das Vierte Gebot lenkt den Blick auf die Rahmenbedingungen der Existenz: die Generationenfolge. Der Mensch verdankt seinen Eltern das Leben. Es würde erlöschen, falls er die Zeugung total verhüten wollte.

Doch auch die einzelne Person ist mit Würde ausgestattet (Fünftes Gebot). Mann und Frau geben zusammen das Leben weiter und schaffen für ihre Kinder in der Familie ein stabiles Zuhause (Sechstes Gebot). Zu diesem geschützten Privatbereich gehören Wohnraum, Kleidung, Nahrung, und Werkzeug (Siebtes Gebot). Diese Übersicht über die Lebensbereiche erfolgt nicht theoretisch, sondern gibt eine praktische Richtung vor. Dort ist die Erfahrung vieler Generationen gespeichert. „Du sollst Vater und Mutter ehren" (Viertes Gebot] hat nämlich die Folge, dass du lange lebest". Denn wer sich um seine pflegebedürftigen Eltern nicht kümmert, wird von seinen eigenen Kindern später genauso vergessen.

Dass du lange glücklich lebest - diese Begründung fehlt zwar bei den anderen Geboten, ist aber logisch zu ergänzen. „Du sollst nicht töten" (Fünftes Gebot), sonst wendet sich die Waffe auch irgendwann einmal gegen dich. „Du sollst nicht ehebrechen" (Sechstes Gebot), sonst bricht ein anderer in deinen Privatraum ein. Und wo die Unterscheidung von Mein und Dein (Siebtes Gebot) aus der Mode gekommen ist, wird das Leben für alle teurer - am Ende auch für die Diebe.

Tatsächlich unterliegen die einzelnen Gebote starken Konjunkturschwankungen. Unsere Ächtung von Krieg und Todesstrafe macht heute aus dem Fünften Gebot einen Selbstgänger. Dies schließt nicht aus, dass das theoretische Vergnügen an Mord und Grausamkeit zu hohen Einschaltquoten führt.

Bei Ehe und Familie wiederum testen die Leitfiguren unserer Gesellschaft schon seit längerem die Belastbarkeit aus. Viertes und Sechstes Gebot ernten nur noch ein müdes Lächeln. Aber Demografie, Rentenproblem und Gesundheitspolitik sorgen neuerdings dafür, dass uns das Lachen allmählich vergeht.

Und die ersten drei Gebote, die sich auf Gott beziehen? Ihr Kurs scheint dem freien Fall preisgegeben. Wer lässt sich schon durch den Gottesbezug in der europäischen Verfassung oder durch inszenierte Blasphemie-Events aus der Ruhe bringen? Freilich ist es noch nicht ausgemacht, ob das christliche Gottvertrauen wirklich für Wirtschaft und politische Kultur entbehrlich ist. Dazu dauert das Experiment, ohne die Zehn Gebote auszukommen, noch nicht lange genug.


Die zehn Gebote (nach dem Kleinen Katechismus Dr. M. Luthers)

1. Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.

2. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht unnütz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

3. Du sollst den Feiertag heiligen.

4. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir´s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.

5. Du sollst nicht töten.

6. Du sollst nicht ehebrechen.

7. Du sollst nicht stehlen.

8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.

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